Für Innovationsfreude.
Für mehr Stabilität.

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Für mehr Stabilität.

Ansprache von Dr. Anna Catharina Voges anlässlich der Kundgebung der Landwirte auf dem Theaterplatz in Dresden am 10. Januar 2024

10. Januar 2024
Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Berufskolleginnen und Berufskollegen,
liebe Mitstreiter und Unterstützer aus anderen Berufsgruppen,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretzschmer,

ich darf heute zu Ihnen sprechen als Vertreterin der Familienbetriebe der Land- und Forstwirtschaft in Sachsen und Thüringen und in meiner Eigenschaft als Landwirtin mit einem Betrieb am Stadtrand von Leipzig. Wir stehen heute als Verbände der Land- und Forstwirtschaft zusammen, um die eindeutige Botschaft an Berlin und den Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir zu senden: Es reicht! Wir sind es leid zuzusehen, wie wichtige agrarstrukturelle Fragen weiterhin nicht gelöst werden, ja noch nicht mal adäquat adressiert oder sachgerecht diskutiert werden. Stattdessen werden konzeptlos und reaktionär Gelder gestrichen, im Gegenzug dafür weiter Bürokratie aufgebaut. So kann es nicht weiter gehen!

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, ich habe am Montagmorgen Ihr Interview im Deutschlandfunk gehört, und ich möchte zwei Botschaften hieraus hervorheben:

Sie haben zum einen Ihr ausdrückliches Verständnis für unseren Unmut zum Ausdruck gebracht, für das Unverständnis der Landwirtinnen und Landwirte, extrem kurzfristig und überaus unüberlegt für Fehler gerade stehen zu müssen, die die Koalitionspartner in Berlin verursacht haben. Die einen nicht-verfassungsgemäßen Haushalt aufgestellt haben und es versäumt haben, rechtzeitig an einem Plan B zu arbeiten, falls dieser Haushalt vom Verfassungsgericht gekippt wird. Für Unternehmer wie uns hier ist diese Herangehensweise absolut unverständlich. Wir sind es gewohnt, langfristig und überlegt zu planen. Wir können uns in unseren Betrieben solche Nachlässigkeiten nicht leisten. Und mehr als befremdlich ist es, wenn wir dann noch von einzelnen Ministern dafür kritisiert werden, dass wir unseren Unmut darüber deutlich zum Ausdruck bringen.

Ihr zweites Anliegen ist, sich auf die Sache zu fokussieren, zu debattieren und auch zu streiten - fokussieren auf die Sache und nicht auf einzelne Bilder. Diese Bilder, Posts und Chats sind entsetzlich, die Situation in Schlüttsiel ist für mich absolut verstörend und hat überhaupt nichts mit einem demokratischen Protest zu tun. Gleichwohl dürfen sie nicht den Blick auf die große Mehrheit verstellen, die ein ernsthaftes Problem mit politischen Entscheidungen hat und dies friedlich und sachlich adressieren und diskutieren möchte.
Meine Damen und Herren, mir und meiner Familie, uns allen, geht es nicht um das Herausschinden weiterer Beihilfen, Subventionen, Steuervergünstigungen oder wie auch immer man es titulieren möchte. Es geht uns auch nicht um eine Besserstellung gegenüber anderen Berufsgruppen, die hier solidarisch mit uns diskutieren. Uns geht es um einen fairen Wettbewerb. Sehen Sie es mir nach, wenn ich Sie jetzt ein bisschen langweile, aber manche Zusammenhänge muss man anscheinend immer wieder wiederholen, damit sie endlich mal begriffen werden.

Der Markt für Lebensmittel und ihre landwirtschaftlichen Rohstoffe ist global. Wir konkurrieren mit Produkten, die in anderen Ländern der EU, aber auch auf anderen Kontinenten hergestellt werden. Und das oftmals zu ökologischen und sozialen Standards, die weit unter unseren liegen. Die internationalen Rohstoffmärkte bestimmen die Preise. Das heißt, dass wir Kostensteigerungen, die aus höheren lokalen Auflagen resultieren, eben nicht einfach an die Verarbeiter und Endkonsumenten weitergeben können. Wir profitieren nicht von den in diesem Zusammenhang oft erwähnten hohen Lebensmittelpreisen. Diese haben nicht zu stabil höheren Rohstoffpreisen und damit hohen Einkünften geführt, dazu ist der Anteil der landwirtschaftlichen Er-eugnisse an den Kosten für das Endprodukt zu gering. Oder hat sich irgendjemand von Ihnen eine goldene Nase verdient? Wenn das nämlich so wäre, dann wären nicht bei Minusgraden in Dresden auf dem Theaterplatz. 
Auch die in den letzten Tagen oft erwähnten außerordentlichen Gewinnsteigerungen landwirtschaftlicher Betriebe der letzten zwei Jahre sind, im richtigen Licht betrachtet, doch eher die Ausnahme, nicht die Regel. Es sind Spitzenausschläge, die nach mehreren Jahren Trockenheit und Dürre mehr als nötig waren und zunächst erstmal die dort erlittenen Verluste ausgleichen mussten. Die Referenz auf ein Durchschnittseinkommen für alle Landwirtschaftsbetriebe möchte ich darüber hinaus fachlich in Frage stellen. Ein Ackerbaubetrieb in der Lommatzscher Pflege ist wohl kaum mit einem Betrieb in der Dübener Heide vergleichbar, ein Schweinemastbetrieb nicht mit einem Milchviehbetrieb. Hier hätte ich mir auch von wissenschaftlicher Seite etwas mehr Differenzierung gewünscht. Landwirtschaft ist divers, Landwirtschaft ist bunt!

Was wollen wir denn nun eigentlich? Zunächst einmal Respekt für unsere Arbeit und Verständnis für unsere Anliegen. Das kann man dadurch ausdrücken, dass man rechtzeitig mit uns spricht und uns beteiligt. Nicht nur zwischen Tür und Angel und für ein nettes Pressefoto. Und wir fordern einen fairen Wettbewerb. Dazu gehören gleiche Standards und Bedingungen für alle Marktteilnehmer, eine transparente Kennzeichnung dieser Standards, Augenhöhe bei Verhandlungen mit allen Beteiligten, aber auch eine verlässliche und langfristig planbare Unterstützung bei der Transformation der Land- und Forstwirtschaft hin zu dem gewünschten Mehr an Regionalität, Biodiversität, Tierwohl. Wir können diese Herausforderungen meistern, aber wir können Sie nur meistern mit einer stabilen land- und forstwirtschaftlichen Wirtschaftspolitik, weniger staatlicher Lenkung und mehr unternehmerischen Freiheitsgraden. Diese Grundlagen zu schaffen und den Transformationsprozess mit vernünftigen Maßnahmen zu begleiten ist die dringlichste Aufgabe aller politischen Entscheidungsträger, allen voran Cem Özdemir. Und aus dieser Verantwortung werden wir sie auch nicht entlassen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!


Ihre Ansprechpartnerin ist:

Dr. Anna Catharina Voges
Persönlich haftende Gesellschafterin
E-Mail: acvogessaat-gut-plaussigde oder Telefon: +49 34298 68611